Spielen
Zeit für ausgiebiges, selbst- und umweltentdeckendes Spielen ist grundlegend und bedeutend für jedes Kind.
Spielen wird hier als handelnde Auseinandersetzung mit der Umwelt verstanden und führt zu sichtbaren Tätigkeiten und Handlungen mit einem konkreten Gegenüber, seien es Gegenstände oder Personen. Spielen vermittelt somit konkretere Erfahrungen mit der Umwelt als ein spontan auftretendes, interessengeleitetes Verhalten. Die beim Spielen ausgeführten Tätigkeiten werden um ihrer selbst ausgeführt und nicht aufgrund von außen gesetzter Zwecke und Belohnungen. Es ermöglicht das Erleben von Handlungsinhalten, in denen die Spielenden sich als selbst bestimmte auf die Welt einwirkende, sie gestaltende und verändernde Wesen erfahren können (vgl. Fischer 2000, S. 238).
Der Aktionsraum des Kindes erweitert sich ständig, neue Materialien und Räume werden spielend entdeckt und untersucht. Durch den tätigen Umgang mit Materialien, wobei das Kind Gegenstände berührt, bewegt, aufhebt usw., also haptisch wahrnimmt, lernt es zum einen mit der Zeit viele äußere und figurale Eigenschaften, wie Form, Größe und Oberflächenbeschaffenheit kennen und unterscheiden, eignet sich aber auch viele der den Gegenständen innewohnenden Bedeutungen an (vgl. Fischer 2000, S. 239).
Spielende Kinder verdienen es, in Ruhe gelassen zu werden, um ungestört spielen zu können. Kinder brauchen Raum, in dem sie sich frei bewegen und aktiv werden dürfen. Es motiviert sie, wenn sie mit Lob und Anerkennung unterstützt werden und wenn sie Anregungen erhalten, sollten sie tatsächlich Anregungen brauchen. Nur zu leicht mischen wir Erwachsenen uns vorschnell ins Spiel der Kinder ein, möchten ihnen Lösungen vorgeben, mit der »guten« Absicht, ihnen zu helfen. Dabei merken wir oft gar nicht, wie sehr wir ihr Spiel stören. Wir unterstützen Kindern sicher mehr, wenn wir versuchen, ihnen zum richtigen Zeitpunkt Unterstützung zukommen zu lassen, und wenn wir sie möglichst oft dazu ermutigen, selbst Ideen und Lösungen zu entwickeln.
Die Nähe zur Natur und zum Alltag ist wichtiger als technisch gestaltete und häufig teure Materialien wie »blinkende Minikeybords« oder »neongelbe Grinsemonde«. Um sich spielerisch entfalten zu können brauchen Kinder Spielmaterial, das sie zum Spiel anregt, welches also einen gewissen Aufforderungscharakter besitzt. Dazu gehört nicht nur Spielzeug im eigentlichen Sinne, sondern auch »wertloses Material«, wie z.B. Knöpfe, alte Schachteln, Dosen, Flaschen oder eine Wand mit verschiedenen Stoffen. Durch Teig kneten, im Sandkasten matschen, Murmeln hin und her rollen, sich im Gras wälzen, mit nackten Füßen über verschiedene Böden laufen, hopsen, springen, balancieren und vieles mehr äußert sich der natürliche Drang der Kinder, ihren Körper zu »erfahren«.
Viele neue Eindrücke und unzählige Sinneserfahrungen sammeln die Kinder in diesen Spielen. Sie fühlen ihre Hände, merken, dass es sich ganz anders anfühlt, wenn sie an den Zehen statt an den Fingern lutschen, sie fühlen Festes, Hartes, Weiches, Nasses, Trockenes an ihrer Haut. Sie fühlen Reibung und Bewegung. All diese Sinneseindrücke verarbeiten sie im Gehirn. An den konzentrierten Gesichtern lässt sich ablesen, dass Spiel für Kinder Arbeit bedeutet, eine Arbeit, die sie mit großer Hingabe verrichten.
Hände und Füße können noch so klein sein, sie sind doch ständig in Bewegung, immer aktiv und auf der Suche nach Neuem. Die Hände wollen die Welt begreifen und die Füße die Welt erobern. In einer Untersuchung wurde nachgewiesen, dass die frühzeitige Beschäftigung mit Händen und Füßen dazu beiträgt, die Hirnreifung zu beschleunigen. Kinder, die spielerisch auf ihre Hände und Füße aufmerksam gemacht wurden, beschäftigten sich besonders intensiv und lustvoll damit. Sie untersuchten zum Beispiel mit ihren Fingern, ob etwas kalt oder warm, hart oder weich, glatt oder rau war (vgl. Friedl 1999, S.13). Was wir auf den ersten Blick erkennen können, muss ein Kind zunächst im wahrsten Sinne des Wortes »begreifen«.
Berührungen aus der Kindheit »brennen« sich im Gedächtnis ein, d.h. wer z.B. Berührungen in dieser Zeit positiv erfahren hat, kann sie unverkrampft weitergeben. Die Zuneigung, Berührung und Wärme, die Kinder von Geburt an erfahren, sind außerdem lebenswichtig für ihre kognitive und psychische Entwicklung (vgl. Anders/Weddemar 2002, S.175).
Das Wiegen des Kindes soll einen nahtlosen Übergang von der vorgeburtlichen zur nachgeburtlichen Erlebniswelt ermöglichen. In einer Untersuchung wurde festgestellt, dass Neugeborene, die nach jeder Mahlzeit von ihren Müttern noch in den Armen gehalten und gewiegt wurden, so genanntes »Handling«, auffallend weniger schrieen und sich wohler fühlten als Kinder, die diese zusätzliche taktil-kinästhetische Stimulation nicht erfahren hatten. Dabei kommt dem Wiegen, Schaukeln und Schwingen in allen Lebensabschnitten eine beruhigende und selbstregulierende Funktion zu (vgl. Anders/Weddemar 2002, S. 175).
Quelle:
Heiden, Barbara: Förderung der taktilen Wahrnehmung in der frühen Kindheit. Eine psychologische Studie. Unveröffentliche Diplomarbeit. Köln: 2003