Sinne

Sinne

 

 

Der Tastsinn

 

 

Auf dieser Seite möchte ich auf die pränatale Entwicklung des Tastsinns, die unterschiedliche taktile Stimulation durch die Art der Geburt und die Kommunikation durch Körperkontakt genauer eingehen.

 

Die Zeit von der Zeugung (Konzeption) bis zur Geburt heißt bei der Mutter Schwangerschaft (Gestation), beim Kind Gestationszeit. Gerechnet vom Zeitpunkt der letzten Menstruation der Mutter beträgt sie bei termingerechter Geburt 40 Wochen. Das "Gestationsalter« des Kindes ist die intrauterine Zeit seit der Konzeption. Sein "Lebensalter« berechnet sich ab seiner Geburt (vgl. OERTER/MONTADA 2002, S. 132). Der menschliche Keim heißt in den ersten 8 bis 12 Wochen der Gestationszeit Embryo. In dieser Zeit entwickeln sich die Körperstrukturen und inneren Organe. Schon mit dem ersten Monat beginnt das innige Verhältnis von Mutter und Kind. Für die folgenden Monate werden sie nicht nur Sauerstoff, Nahrung, Krankheiten und Wohlbefinden miteinander teilen, sondern auch Heiterkeit, Trauer und Lebensfreude. Bereits in den ersten Wochen nach der Konzeption beginnt sich das ZNS zu entwickeln (vgl. ZIMMER 1984, S. 21). Ab dem dritten Monat der Schwangerschaft wird das werdende Kind als Fötus oder Fetus bezeichnet. In dieser Zeit macht das Gehirn große Wachstumsschübe durch, das ZNS differenziert sich, die Organe nehmen ihre Funktionen auf und das Kind entwickelt motorische Aktivität (vgl. OERTER/ MONTADA 2002, S. 132). Die Haut entwickelt sich wenige Wochen nach der Befruchtung (2. Schwangerschaftswoche (SSW)) aus einer der so genannten Embryonalschichten, dem Ektoderm (vgl. ZIMMER 2001, S.18). Zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung besteht der Embryo aus insgesamt drei Zellschichten, dem Ektoderm, dem Entoderm und dem Mesoderm, wobei sich aus dem Ektoderm insgesamt die Haut, Haare, Nägel, das Gehirn, das Rückenmark, die Augen sowie die Sinnesorgane des Geruchs, des Geschmacks, des Sehens, des Hörens und der Empfindung entwickeln. „Da sowohl das Nervensystem als auch die Haut von der gleichen Gewebeschicht stammen, spielen Berührungsreize eine primäre Rolle für die neurale Organisation“ (AYRES 1992, S. 55).

 

Das Tastempfinden entwickelt sich als erstes Sinnessystem schon ab dem Ende des 2. Schwangerschaftsmonats. „Der am unmittelbarsten mit der Haut verbundene Sinn, der Tastsinn, der Ursprung aller Empfindungen wird vom menschlichen Embryo vor allen anderen Sinnen entwickelt“ (MONTAGU 1987, S. 7). Der menschliche Embryo reagiert noch vor dem Ende des zweiten Monats als erstes auf Berührungsreize in der Region um den Mund. Im Verlauf des 3. Monats dehnen sich Reiz- und Schmerzempfindlichkeit auf die Mundhöhle, Hände und schließlich auf die gesamte Körperoberfläche aus. „Die sogenannte Taktilität, die sich später auf den ganzen Körper ausdehnt, ist damit einer der ersten funktionierenden Sinne“ (ZIMMER 1985, S. 25).

 

Wenn die Mutter "ein Gefühl dafür entwickelt«, kann sie erfahren, wie ihr Ungeborenes auf die Welt reagiert: „auf Stimmen, besonders auf ihre, auf plötzliche Geräusche, auf ein Tätscheln ihres Bauches und auch auf ihre eigenen Emotionen wie Vergnügen, Aufregung und Angst“ (FLANAGAN 1996, S. 77). Normaler Alltagsstress der Mutter kann das Ungeborene erregen. Wenn die Mutter z.B. sehr müde ist, sich aber trotzdem keine Ruhe gönnt, oder wenn sie erregt ist, neigt das Kind zu verstärkter Bewegung. Die Adrenalinausschüttung beim ungeborenen Kind steigt, wenn die Mutter Aufregung erfährt. „Streß und Anspannung der Mutter können vielleicht durch heftigere Bewegungen der Mutter, durch allgemeine Muskelspannung ihres Körpers, durch den Tonfall und die Lautstärke ihrer Stimme sowie durch Veränderungen ihres Herzschlags übertragen werden“ (ebd., S. 82).

 

Im 5. Monat ist das Baby circa 25 cm lang und ungefähr 400 g schwer. Es fühlt Zärtlichkeit von außen und strebt einer streichelnden Hand auf der Bauchdecke entgegen. Im sechsten Monat öffnet das Kind seine Augen, wobei das Sehvermögen aufgrund des diffusen Dämmerlichts ungeschult bleibt. Im Gegensatz dazu ist das Gehör des Kindes schon voll im Einsatz. Das mütterliche Herz schlägt gleichmäßig und gibt dem Kind einen vertrauten Rhythmus, wodurch ihm Sicherheit und Geborgenheit vermittelt werden. Ferner nimmt es Darmgeräusche, Magengrummeln, den rauschenden Blutstrom, die brodelnde Plazenta wahr. Die Außenwelt vermittelt dem Ungeborenen ebenfalls diverse Sinneseindrücke. Laute Musik wird als störend empfunden, sanfte Weisen von Mozart dagegen scheinen angenehm zu sein (vgl. ANDERS/WEDDEMAR 2002, S. 166). „Das Kind nimmt, zumindest in den letzten Wochen vor der Geburt, sogar bereits wahrnehmend und lernend an seiner unmittelbaren Umwelt teil.“ (OERTER/MONTADA 2002, S. 133)

 

Am Ende des 6. Monats empfindet der Fötus mit seinen Händen Vibrationen, Druck, Schmerz und Temperatur (vgl. ZIMMER 1985, S. 14f).

 

Ab dem 7. Monat wird es immer enger im Mutterleib. Das heranwachsende Baby braucht immer mehr Platz, weshalb sich in dieser Zeit das Fruchtwasservolumen von einem Liter auf fast die Hälfte reduziert. Es verliert somit seine bisherige Freiheit, es kann nicht mehr im Fruchtwasser schweben und sich nicht mehr so frei bewegen wie zuvor. Der Körperkontakt wird immer intensiver und erreicht während der Geburt die höchste Intensität.

 

Von einer Geburt "mit Gewalt« kann man sprechen, wenn das Kind durch den Einsatz von "Hilfsmitteln« (z.B. Saugglocke, Zange) nahezu passiv aus dem Mutterleib herausgeholt wird. Während sich der Säugling bei der natürlichen Geburt mit Hilfe des Streckreflexes im oberen Uterusbereich abstößt, ist es dem Kind bei einer Geburt mit "Gewalt« nicht möglich, selber mitzuarbeiten (vgl. ANDERS/WEDDEMAR 2002, S. 171).

 

Der Kaiserschnitt (sectio ceasarea) ist der größte geburtshilfliche Eingriff (nach dem Frauenarzt Pfannenstiel um ca. 1900). Ca. 10-15 % aller Babys in Deutschland kommen durch diese operative Schnittentbindung zur Welt. Der Kaiserschnitt stellt medizinisch längst kein Problem mehr dar, ist aber psychologisch nicht unproblematisch. Aus psychologischer Sichtweise wird durch den engen Kontakt beim Passieren der Geburtswege der Grundstein für eine enge Mutter-Kind-Bindung gelegt. „Obwohl die chirurgische Entbindung für das Baby eine schonende Art ist, das Licht der Welt zu erblicken, so begünstigt jedoch die lange und anstrengende Passage des Geburtskanals die Entfaltung seiner Lebensfunktionen nach der Geburt. Der Druck, den die Geburtswege auf das Kind ausüben, und die rhythmisch massierenden Wehen pressen nämlich das in der Lunge und den Atemwegen befindliche Fruchtwasser heraus. Den Kaiserschnittbabys fehlt diese natürliche Kompression, sie haben darum nach der Geburt nicht selten Atemstörungen“ (NEES-DELAVAL 1996, S. 134). Aufgrund des Mangels an kutaner Stimulation sind Kaiserschnittbabys oftmals träger, reaktionsschwächer und schreien weniger häufig als vaginal entbundene Kinder.

 

 

 

Kinder, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, werden als Frühgeburten bezeichnet. Rund 8 Prozent der in Deutschland geborenen Kinder sind "Frühchen«. Je niedriger das Geburtsgewicht ist, desto schwieriger ist es für das Neugeborene, seine Lebensfunktionen, wie regelmäßige Atmung, Nahrungsaufnahme und Verdauung, Regulierung der Körpertemperatur und die Abwehr von Infektionen, selbstständig zu bewältigen. In den meisten Fällen werden frühgeborene Babys in Inkubatoren betreut, überwacht, warm gehalten und über eine Magensonde ernährt, d.h. sie erfahren sehr wenig Berührungs- und andere Reize (vgl. LUDINGTON-HOE/GOLANT 1993, S. 16f).

 

 

 

„Die Berührung, das Halten eines kleinen Kindes sorgt für dessen Wärmehaushalt, schützt es und stellt auf einer ganz elementaren Ebene einen Kontakt zwischen Kind und Mutter oder Bezugsperson her. Denn nach der Geburt beginnt sowohl für die Mutter als auch für das Kind ein völlig neuer Abschnitt in der Beziehung“ (WAGENER 2000, S. 126). Neun Monate wurde das Ungeborene auf Schritt und Tritt der Schwangeren von der Gebärmutterwand massiert, erlebte dynamische Grenzen. Der Tastsinn wird, „wenn auch eingeschränkt, in den letzten acht Wochen vor der Geburt bereits von außerhalb des Fötus stimuliert. Diese frühe Stimulation dient vorwiegend der Feinabstimmung der Synapsen, nicht dem Erlernen spezifischer Inhalte oder Grunderfahrungen“ (OERTER/MONTADA 2002, S. 135). Eng eingekuschelt spürte es jede Bewegung seiner Mutter. Es lag im Becken der Mutter wie in einer Wiege und nahm darin die sanften schaukelnden Bewegungen wahr. Nach der Geburt, die üblicherweise durch Wehen eine starke, intensive Berührung für das Kind bedeutet, ist die Geborgenheit und Wärme zunächst vorbei. „Bei der Geburt muß die Haut viele neue Anpassungen an eine wesentlich kompliziertere Umgebung als die vorgeburtliche vollziehen. Die Atmosphäre bringt jetzt nicht nur Luftbewegungen, sondern Gase, Partikel, Parasiten, Viren, Bakterien, Änderungen des Drucks, der Temperatur, der Feuchtigkeit, des Lichts, der Strahlung und vieles andere an sie heran. Die Haut ist fähig auf all dies zu reagieren“ (MONTAGU 1987, S. 8).

 

 

 

Meistens liegt ein Säugling viele Stunden am Tag auf einer gleich bleibend harten Matratze, auf etwas Leblosen. Nichts bewegt sich, kein Herzschlag, kein Darmblubbern ist zu hören. Wen wundert es, dass der Säugling anfängt zu schreien, obwohl der Magen voll und die Windel trocken ist? (vgl. Känguruhn) Das „Tast-Bewegungssystem [ist] das erste Kommunikationssystem, und der eigene Körper ist das erste Objekt, das erste Stück Welt, mit dem das Kind in Kontakt tritt“ (LIECHTI 2000, S. 159), deshalb ist der Körperkontakt in den ersten Lebensmonaten besonders wichtig. Der Wunsch nach beständiger Nähe und Körperkontakt ist ein Grundbedürfnis im Säuglingsalter. Ein Baby kann nicht fühlen, dass wir gleich wieder da sind, wenn es von uns getrennt wird oder wir uns entfernen. Erst mit etwa neun Monaten sind für einen Säugling Gegenstände und Personen weiterhin existent, wenn sie nicht zu sehen, zu hören oder zu greifen sind (erste Ansätze der so genannten Objektpermanenz sind frühestens im fünften Lebensmonat erkennbar). Erst dann ist die Voraussetzung geschaffen, dass ein Kind das Weiterbestehen der elterlichen Fürsorge auch bei deren Abwesenheit begreifen kann. Der Platz, an dem sich ein Baby aufgehoben und wohl fühlt, ist in den Armen der Mutter oder anderer vertrauter Menschen (vgl. KIRKILIONIS 1999, S. 20).

 

 

 

Lange, bis in die achtziger Jahre hinein, nahmen viele Laien, aber auch Kinderspezialisten an, Neugeborene empfänden noch nichts. Noch nicht einmal Schmerzen. 1986 berichtet H.G. Lenard, Professor an der Kinderklinik der Universität Düsseldorf, in der Deutschen medizinischen Wochenzeitschrift darüber, wie weit verbreitet immer noch unter Spezialisten die Ansicht sei, nicht nur der Fötus, sondern auch das Neugeborene empfänden keine Schmerzen. Er nennt barbarische Beispiele, wonach schwere Operationen ohne Narkose vorgenommen wurden, zitiert aus einer Fachveröffentlichung, nach der „keine Anästhesie während der ersten 2 ½ bis 3 Lebensmonate erforderlich“ sei („No anaesthetic is necessary ... during the first 2 ½ to 3 months after birth“) (vgl. ZIMMER 2001, S. 14). Dass es frühe vorgeburtliche Erlebnisse gibt, die sogar bis ins Leben wirkende Einflüsse haben, davon sind eine Reihe von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen heute überzeugt (vgl. ebd.).

 

 

 

Quelle:

 

Heiden, Barbara: Förderung der taktilen Wahrnehmung in der frühen Kindheit. Eine psychologische Studie. Unveröffentliche Diplomarbeit. Köln: 2003.